Bismarcktürme und BismarcksäulenDenkmalsform und politische Kultstätten 1898 - 1945
Bismarcktürme und -säulen wurden seit 1899 hundertfach in Deutschland gebaut. Entstehung und Geschichte dieser Denkmalsform sind heute jeodch nur noch wenigen bekannt.
Keinem deutschen Staatsmann wurden zu Lebzeiten und nach seinem Tod mehr Denkmäler gesetzt als dem „Reichsgründer“ Otto von Bismarck (1815- 1898). Insgesamt wurden 750 Denkmäler auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, in den deutschen Kolonien und in Österreich-Ungarn zu seinen Ehren errichtet. Über 80% von ihnen entstanden zwischen 1898 (Bismarcks Tod) und 1915 (100. Geburtstag). Darunter befinden sich 240 Bismarcktürme und -säulen, etwa noch einmal so viele waren geplant, wurden aber wegen Geldmangel oder Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht vollendet. Heute sind weltweit noch 169 Bismarcktürme erhalten. Das Projekt der BismarcksäulenBereits zu Lebzeiten Bismarcks waren in Deutschland zahlreiche Büsten, Stadtbilder und vereinzelt bereits Türme zu seinen Ehren errichtet worden. Die Erhebung des „Reichsgründers“ zur nationalen Mythengestalt nach seiner Entlassung 1890 und vor allem nach seinem Tod 1898, erforderte jedoch neue Denkmalsformen, die eine Nutzung als Kultstätten für nationale Feste und Feiern zuließen. Zum Vorreiter dieser Entwicklung machte sich die deutsche Studentenschaft. Sie nahm den Tod Bismarcks am 30. Juli 1898 zum Anlass, eine Abkehr vom figürlichen Denkmal zu fordern. Am 3. Dezember 1898 sprachen sich studentische Abordnungen von 21 Technischen Hochschulen und Universitäten in Hamburg stattdessen für eine reichsweit möglichst einheitliche Form monumentaler Turmarchitektur aus, die so genannte „Bismarcksäule“. Sie solle an möglichst vielen Orten aus einfach behauenem Stein in freier Natur errichtet werden und eine Feuerschale tragen, die an nationalen Festtagen entzündet werden sollte, um eine „Feuerkette“ über das gesamte Reich zu bilden. In diesem Sinne erließ der „Bismarck-Ausschuss der deutschen Studentenschaft“ einen Aufruf zum Bau von Bismarcksäulen an nationale Vereine, Landräte und Gemeinden mit über 5.000 Einwohnern. Über die genaue Gestaltung dieses neuen Denkmalstyps sollte ein im Frühjahr 1899 durchgeführtes Preisausschreiben entscheiden. Am 21. und 22. April tagte das Preisgericht auf der Wartburg unter dem Vorsitz des berühmten Architekten Paul Wallot (1841- 1912). Aus den 317 Einsendungen wurde der Entwurf „Götterdämmerung“ des jungen Architekten Wilhelm Kreis (1873- 1955) ausgewählt. Er hatte sich das Grabmal des gotischen Königs Theoderich in Ravenna zum Vorbild genommen für eine Säulenkonstruktion, die in einen quadratischen Aufbau eingefasst werden sollte. Umsetzung und VerbreitungNach Angaben des Ausschusses der deutschen Studentenschaft waren im Mai 1899 bereits an 190 Orten Planungen zum Bau einer Bismarcksäule im Gange. Zur angestrebten reichsweiten Vereinheitlichung des Bismarck-Denkmalsbaus kam es jedoch nicht. Bis 1914 wurde das Modell „Götterdämmerung“ an 47 Orten in Deutschland umgesetzt, darunter alle damaligen Universitätsstädte mit Ausnahme von Straßburg und München. Andere Projekte übernahmen den Kreissschen Entwurf nicht, orientierten sich aber an seinen Vorgaben. Von den bis 1914 fertig gestellten 218 Bismarcktürmen waren 158 mit einer Feuerschale ausgestattet. Aufgrund der ungleichen Verteilung der Türme und Säulen über das Reichsgebiet entstand nur in einigen Regionen eine geschlossene „Feuerkette“. Besonders viele Bismarcktürme wiesen Rheinland, Westfalen, Sachsen und Thüringen auf, nur wenige entstanden dagegen in Süddeutschland. Politisierung des Bismarck-Kultes 1890 - 1945Sozialgeschichtlich betrachtet war der Bismarck-Kult zur Wilhelminischen Zeit und darüber hinaus eine Angelegenheit des protestantischen Bildungs- und Wirtschaftsbürgertums. Initiatoren und Träger des Baus von Bismarcktürmen und -säulen waren neben den Studentenverbindungen in erster Linie die Parteien, Vereine und Verbände des „nationalen Lagers“. Sie füllten Denkmalsbau und Feste mit ihren politischen Inhalten und nutzten sie zu Angriffen auf die „inneren Reichsfeinde“. So erklären sich auch die starken politischen und konfessionellen Widerstände gegen den Bismarck-Kult, insbesondere von SPD, Zentrum, Welfen und den ethnischen Minderheiten innerhalb der Reichsgrenzen. Trotz des umfangreichen Fest- und Denkmalskultes entwickelte sich Bismarck-Verehrung nie zu einem allgemein akzeptierten Ausdruck nationaler Identität. Der Enthusiasmus in Sachen Denkmalsbau erlahmte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weitgehend. Politisierung und Spaltung spitzten sich in der Weimarer Republik jedoch nochmals zu, als sich der Bismarck-Kult zum Sammlungspunkt der antirepublikanischen Rechten entwickelte. Auch die Nationalsozialisten hatten sich aktiv am Bismarck-Kult beteiligt und die Bismarcktürme und -säulen als Kultstätten genutzt. Sie profitierten von der über Bismarck-Verehrung transportierten Charismatisierung der politischen Kultur, die es ihnen erlaubte, Hitler als „neuen Bismarck“ anzupreisen. Zu einer Renaissance des Bismarck- Kultes kam es im Dritten Reich aber nicht, da die Machthaber in ihm eine mögliche Konkurrenz zum Führerkult erblickten. Entmythisierung und Historisierung Bismarcks nach 1945 haben den Kult um seine Person weitgehend zum Erliegen gebracht. Bismarcktürme und -säulen sind von nationalistischen Kultstätten heute zu Objekten für Tourismus, Denkmalsschutz und historische Forschung geworden - ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Denkmäler keine überzeitliche Botschaft transportieren, sondern ihre Bedeutung von den jeweiligen Zeitgenossen zugeschrieben bekommen. LiteraturAlings, Reinhard, Monument und Nation. 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